Zucker fördert Entzündungen, sorgt für kaputte Knochen und ist ungesünder als Zigaretten. Dennoch ist er in unzähligen Lebensmitteln versteckt – dank einer mächtigen Zucker-Lobby. Ist schon erstaunlich wie viel Geld man mit einer krankenden Gesellschaft machen kann. Julia hat sich im Selbstversuch kritisch mit Zucker auseinander gesetzt, sechs Wochen komplett auf Zucker verzichtet und Erstaunliches herausgefunden: Es ist nicht der essbare Zucker, der ihr fehlte.

Zucker ist ein gefährliches Lebensmittel, wir konsumieren ihn dennoch täglich viel zu unbedarft und viel zu häufig – das ist den meisten völlig klar. Irgendwann, mit Beginn der industriellen Herstellung von Lebensmitteln hat er sich so reimgeschummelt, der Zucker, und ist nun in allem Offensichtlichen (Bonbons, Kekse, Eiscreme) und allem nicht ganz so Offensichtlichen (Gewürzgurken, Sojajoghurt, Tofu).

Sechs Wochen ohne Zucker?

Ich persönlich dachte, es könne sehr schwierig werden, im Alltag komplett auf Zucker zu verzichten – jedoch kein Grund es nicht mal auszuprobieren. Verstärkt wurde dieser Wunsch noch, nachdem ich „Die Wahrheit über Zucker“ von Robert Lustig gelesen hatte. In diesem 2017 erschienen Buch erklärt der US-amerikanische Kinderarzt und Endokrinologe nicht nur die medizinischen Auswirkungen des erhöhten Zuckerkonsums einer ganzen Gesellschaft, sondern auch die wirtschaftlichen Motive der Politik die dafür sorgen, dass sich nichts an all dem ändert. Obwohl Lustig sich in seinem Buch stets für Moderation des Zuckerkonsums statt kompletten Verzicht ausspricht, beschloß ich, einfach mal 6 Wochen komplett auf den Geschmack „süß“ zu verzichten. Neben zuckerhaltigen Dingen gehören dazu auch alle alternativen Süßstoffe wie Datteln oder Kokoszucker und natürlich Obst. Wer es noch nicht wusste, wird nun erstaunt sein: Alkohol enthält wahnsinnig viel Zucker, also verzichtete ich in meinem Detox konsequenterweise auch auf Alkohol.

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Zunächst lief das Ganze auch ziemlich reibungslos: Während es mir in der ersten Woche noch völlig fein ging und ich ehrlich überrascht war, wie einfach sich der gesamte Verzicht gestaltete, schlug der Zuckerkater nach 3 Wochen richtig zu: Vor allem meine Gedanken begannen häufig um Süßes zu kreisen. Oftmals war es ein übermannendes Gefühl als sei der Körper eben stärker als der Verstand. Dennoch überstand ich diese nervenaufreibenden Augenblicke, nachdem ich herausgefunden hatte, dass der Körper meist ein Verlangen nach Fett hat, wenn einen grundloser Heißhunger überkommt. Und dem konnte ich dann gut mit einer Avocado entgegenwirken. Überhaupt – wie toll sind eigentlich Avocados? Die kleinen grünen Biester und ich sind in den 6 Wochen wirklich gute Freunde geworden- ob mit Salz und Pfeffer als Snack oder im Salat zum Abendessen, sie haben mir gut durch diese Zeit geholfen. Ebenfalls immer vorrätig hatte ich eine Auswahl an Walnüssen und Mandeln, die sich durch ihre exzellente Transportfähigkeit auszeichnen. Nach etwa zwei Wochen hatte ich dann auch raus, was bequem immer geht: Zum Frühstück gab es Chiapudding ohne Süße oder Obst dafür aber mit Kokosmilch und gerösteten Kokosraspeln angerührt. Beim Mittagessen habe ich meine Liebe zu Vollkornreis wiederentdeckt. Ich hab ihn zu ungefähr allem gegessen, am liebsten aber zu einer Zucchini-Tofu-Sauce oder Gemüse in Erdnussmus. Außerdem war ich durch mein selbstauferlegtes Zuckerverbot so hinreichend gelangweilt in der Küche (ich konnte ja nicht backen), dass ich mit verschiedenen Pseudo-Getreidesorten herumzuexperimentieren begann: Amaranthbrei mit Alsan ist echt megagut, wenn es unkompliziert und schnell sein muss. Abends gab es eigentlich immer Salat, häufig auch mit veganen Würstchen (mit schwindend niedrigem Zuckergehalt) dazu. Schließlich wurde meine Disziplin ganz gut belohnt: Es stimmt, dass Zucker einen träge macht und oftmals für das Nachmittagstief verantwortlich ist. Ich hatte deutlich mehr Energie und fühlte mich wohler. Außerdem wurde meine Haut schöner, reiner und weicher. Am besten war jedoch dass die häufigen Heißhungerattacken zurückgingen und man sich weniger abhängig von Lebensmitteln fühlte.

Und das Fazit?

Die größte Überraschung an meinem Experiment war für mich allerdings, dass es mir weitaus schwerer fiel, auf Alkohol als auf Zucker zu verzichten. Obwohl mich letzterer viel häufiger im Alltag begleitet hat als der ein oder andere Drink, fühlte ich mich unter meinen vielen trinkenden Freunden irgendwie fehl am Platz. Hinzu kam die Erkenntnis, dass ich zwar sehr wohl einen guten Prossecco oder einen Weißwein genieße, in erster Linie aber das Gefühl von leichter Betrunkenheit sehr gerne mag. Diese Erkenntnis kollidierte dann wiederum mit den Wochenenden, auf denen bei fast jeder Art sozialen Zusammenkommens wenigstens Bier gereicht wird. So war ich hellauf begeistert, als ich genau 6 Wochen nach Beginn meines Experiments meine alkoholische Rückkehr mit einem guten Glas Rotwein feierte. Wirklich verzichten möchte ich in Zukunft weder auf Zucker noch auf Alkohol. Für mich persönlich nehme ich jedoch den Wunsch mit, beide Genussmittel ähnlich zu betrachten: Als luxuriöses Gut, das man sich am Wochenende gerne mit ein paar Freunden gönnt, bei dem man an ganz besonders guten (oder ganz besonders schlechten) Tagen ein wenig zu hoch dosiert und einem davon dann schlecht wird, und letztlich ein Stoff, dessen konstantes Zuviel einen krank und abhängig macht.

Posted by:Silvia